Wenn Audits in Unternehmen zu Stress führen

Audits sind aus vielen Organisationen nicht wegzudenken. Sie dienen der Qualitätssicherung, der Einhaltung von Standards und letztlich der Weiterentwicklung von Prozessen. Und trotzdem: Für viele Mitarbeitende sind Audits mit Anspannung, Nervosität oder sogar Angst verbunden. Auch wenn der Begriff Auditangst wissenschaftlich nicht etabliert ist, zeigt sich in der Praxis ein klares Muster: Situationen, in denen Leistungen beobachtet, bewertet oder potenziell kritisiert werden, lösen häufig starke Stressreaktionen aus. Doch warum sind eigentlich sachlich-rationale Verfahren wie Audits emotional so belastend? Und was kann helfen, diese Belastung zu reduzieren?

Ein Blick in die Psychologie liefert Antworten und konkrete Ansatzpunkte für Entlastung auf organisationaler und individueller Ebene.

Aus psychologischer Perspektive: Warum Audits Stress auslösen können

Erklärungsansatz 1: Kontroll-Wert-Modell der Prüfungsangst nach Pekrun (1992)

Audits ähneln in vielerlei Hinsicht Prüfungssituationen. Deshalb lohnt sich ein Blick auf psychologische Modelle zur Prüfungsangst. Besonders gut geeignet ist das Kontroll-Wert-Modell der Prüfungsangst (Pekrun, 1992). Nach diesem Modell entsteht Angst vor allem dann, wenn zwei Faktoren zusammenkommen:

  • Hohe subjektive Bedeutung der Situation (z. B. mögliche Konsequenzen für den Arbeitsplatz, das Team oder den eigenen Ruf)
  • Geringes Gefühl von Kontrolle über den Ausgang (z. B. unklare Kriterien, unvorhersehbare Fragen)

Je wichtiger ein Audit eingeschätzt wird und je weniger Einfluss man glaubt zu haben, desto stärker fällt die Angst aus. Verstärkt wird dieser Effekt durch negative Überzeugungen wie „Ich darf mir keinen Fehler erlauben“ oder durch ein geringes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (Frenzel, Götz & Pekrun, 2008).

 

Erklärungsansatz 2: Transaktionales Stressmodell nach Lazarus & Folkman (1984)

Auch das transaktionale Stressmodell von Lazarus und Folkman (1984) hilft, Stressreaktionen im Auditkontext zu verstehen. Entscheidend ist hier die subjektive Bewertung der Situation:

  • Wird ein Audit als Herausforderung erlebt und die eigenen Ressourcen als ausreichend eingeschätzt, entsteht eher positiver Stress (Eustress).
  • Wird es hingegen als Bedrohung wahrgenommen, bei der die Anforderungen die eigenen Ressourcen übersteigen, entsteht negativer Stress (Distress).

 

Aus neuropsychologischer Perspektive: Was im Gehirn bei Auditangst passiert

Die starken Stressreaktionen sind nicht nur „Kopfsache“, sondern neuropsychologisch gut erklärbar. Bei hoher Bewertungsangst wird die Amygdala, das Alarmsystem des Gehirns, aktiviert und reagiert auf potenzielle Bedrohungen wie soziale Bewertung. Gleichzeitig kommt es zu einer Aufmerksamkeitsverschiebung weg von der Aufgabe hin zur Angst, zu grübelnder Selbstfokussierung sowie zu katastrophisierenden Gedanken, die kognitive Ressourcen blockieren. Das Ergebnis können subjektiv erlebte „Blackouts“ sein – trotz ausreichender fachlicher Kompetenz (Eysenck et al., 2007; Gagnon et al., 2019).

Ergänzend wird über die Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) Cortisol ausgeschüttet. Diese Stressreaktion beeinträchtigt präfrontale Funktionen wie Arbeitsgedächtnis und flexible Problemlösung und verstärkt damit die kognitiven Einschränkungen unter Bewertungsstress (Arnsten, 2009; Shansky & Lipps, 2013).

Auditstress ist kein individuelles Problem einzelner Mitarbeitender, sondern von organisationalen Rahmenbedingungen abhängig. Auf organisationaler Ebene gibt es daher wirksame Stellschrauben.

Was Organisationen tun können: Sicherheit statt Angst

Wirkmechanismus 1: Audits als Lerninstrument in Organisationen positionieren

Eine offene Fehler- und Lernkultur reduziert Angst deutlich. Audits sollten konsequent als Bewertung von Systemen und Prozessen, nicht von Personen, kommuniziert werden (van Dyck et al., 2005). Zentral ist dabei das Konzept der psychologischen Sicherheit: In einem Arbeitsklima, in dem Fragen, Unsicherheiten und Fehler ohne Angst vor negativen Konsequenzen geäußert werden können, sinkt der Stress spürbar (Edmondson, 1999).

Wirkmechanismus 2: Transparente Kommunikation

Klare Informationen zu Zielen, Kriterien und Ablauf eines Audits erhöhen das Gefühl von Kontrolle und reduzieren Unsicherheit. Transparenz wirkt damit direkt stressmindernd.

Auch eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ist ein wichtiges Instrument, um Belastungen frühzeitig zu erkennen und sowohl die Gesundheit der Mitarbeitenden als auch die Leistungsfähigkeit der Organisation zu sichern.

Was Einzelne tun können:            Umgang mit Stress

Wirkmechanismus 3: Atem- und Entspannungstechniken

Atem- und Entspannungstechniken helfen, die physiologischen Stressreaktionen zu senken und das Nervensystem zu regulieren (Kaluza, 2023). Schon kurze Atemübungen können die Stressintensität spürbar reduzieren.

Wirkmechanismus 4: Kognitive Umstrukturierung

Kognitive Techniken zielen darauf ab, die Bewertung des Audits zu verändern:

  • Von „Bedrohung“ hin zu „Herausforderung
  • Von „Ich darf keinen Fehler machen.“ zu „Ich darf zeigen, was gut läuft und wo wir lernen können.

Hilfreich sind dabei Selbstinstruktionen und das bewusste Ersetzen katastrophisierender Gedanken durch realistische, unterstützende Perspektiven (Frenzel, Götz & Pekrun, 2008; Kaluza, 2023).

Fazit: Audits menschlicher denken

Auch wenn Auditangst kein offizieller Begriff ist, lassen sich die zugrunde liegenden Mechanismen gut mit etablierten Konzepten der Prüfungs-, Bewertungs- und Stressforschung erklären. Audits berühren zentrale psychologische Bedürfnisse nach Sicherheit, Kontrolle und Anerkennung.

Die gute Nachricht: Eine Kombination aus klarer Kommunikation, psychologischer Sicherheit und individuellen Bewältigungsstrategien kann dazu beitragen, Audits nicht nur fachlich korrekt, sondern auch menschlich, lernorientiert und stressärmer zu gestalten.

Ihr Team VisionGesund.

 

 

Quellen

Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10, 410–422. https://doi.org/10.1038/nrn2648

Dickerson, S. S., & Kemeny, M. E. (2004). Acute stressors and cortisol responses: A theoretical integration. Psychological Bulletin, 130(3), 355–391. https://doi.org/10.1037/0033-2909.130.3.355

Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. https://doi.org/10.2307/2666999

Eysenck, M. W., Derakshan, N., Santos, R., & Calvo, M. G. (2007). Anxiety and cognitive performance: Attentional control theory. Emotion, 7(2), 336–353. https://doi.org/10.1037/1528-3542.7.2.336

Frenzel, A. C., Götz, T., & Pekrun, R. (2008). Kontroll-Wert-Modell der Prüfungsangst. In J. Zumbach & H. Mandl (Hrsg.), Pädagogische Psychologie in Theorie und Praxis: ein fallbasiertes Lehrbuch (S. 275-284). Hogrefe.

Gagnon, S. A., Waskom, M. L., Brown, T. I., & Wagner, A. D. (2019). Stress impairs episodic retrieval by disrupting hippocampal and cortical mechanisms of remembering. Cerebral Cortex, 29(7), 2947–2964. https://doi.org/10.1093/cercor/bhy162

Kaluza, G. (2023). Stressbewältigung: Das Manual zur psychologischen Gesundheitsförderung. 5. Auflage. Springer.

Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. Springer.

Pekrun, R. (1992). Expectancy-value theory of anxiety: Overview and implications. In D. G. Forgays, T. Sosnowski, & K. Wrzesniewski (Eds.), Anxiety: Recent developments in cognitive, psychophysiological, and health research (pp. 23–41). Hemisphere Publishing Corp.

van Dyck, C., Frese, M., Baer, M., & Sonnentag, S. (2005). Organizational error management culture and its impact on performance: A two-study replication. Journal of Applied Psychology, 90(6), 1228–1240. https://doi.org/10.1037/0021-9010.90.6.1228