Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen

Trotz der vorhandenen EU-Vorschriften zur Regulierung der Arbeitszeit und zur Förderung einer ausgewogenen Work-Life-Balance zeigt jetzt eine neue Eurofound-Studie der Europäischen Union besorgniserregende Trends. Arbeitnehmer:innen, die die Flexibilität der digitalen Arbeitswelt nutzen können, sind häufiger längeren Arbeitszeiten und einem gesteigerten arbeitsbedingten Stress ausgesetzt. Gleichzeitig entsteht eine Kultur der ständigen Erreichbarkeit, auch außerhalb der Arbeitszeit. Da das Arbeiten im Homeoffice für viele Arbeitnehmer:innen während der Corona-Krise zum Alltag geworden ist, hat die Problematik noch mehr an Bedeutung gewonnen. Viele Arbeitnehmer:innen müssen nun auch außerhalb ihrer Arbeitszeit arbeiten, was es für sie zunehmend schwieriger macht, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben zu finden.

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Das Europäische Parlament fordert ein Recht auf Nichterreichbarkeit, um Arbeitnehmer:innen davor zu schützen, außerhalb ihrer Arbeitszeit erreichbar sein zu müssen.

Gesundheitliche Folgen ständiger Erreichbarkeit

Die dauernde Verfügbarkeit und ständige Erreichbarkeit kann sich stark auf die geistige und körperliche Gesundheit von Arbeitnehmer:innen auswirken. Eine kontinuierliche Erreichbarkeit kann zu einer Vielzahl von Problemen führen: zu lange Bildschirmzeiten und ausgedehnte Arbeitsstunden können die Konzentration beeinträchtigen, was zu einer Überlastung des Geistes führen kann. Dies wiederum kann zu Kopfschmerzen, müden Augen, Erschöpfung, Schlafproblemen, Angstzuständen und Burnout führen. Sogar Erkrankungen des Bewegungsapparats sind möglich, insbesondere wenn die eingerichteten Home-Office-Arbeitsplätze nicht den ergonomischen Standards entsprechen (Europäisches Parlament, 2021).

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45% der Befragten waren der Ansicht, dass sich die Kontaktaufnahme außerhalb der Arbeitszeit nachteilig auf ihre Work-Life-Balance sowie auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden auswirkt (Eurofound, 2023)

Gründe für die Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit

Die Hauptgründe für die Beantwortung von Nachrichten außerhalb der Arbeitszeit sind:

  • das Verantwortungsgefühl für die eigenen Aufgaben,
  • der Wunsch, informiert zu bleiben,
  • und die Erwartungen des Arbeitgebers.

Zusätzliche Arbeitsstunden werden oft geleistet, um unerledigte Aufgaben nachzuholen oder auf ausdrücklichen Wunsch von Vorgesetzten, jedoch selten für finanzielle Entschädigung (Eurofound, 2023).

Recht auf Nicht-Erreichbarkeit: Umsetzung und Auswirkungen

Neue Forschungen beleuchten das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit auf Unternehmensebene. Im Rahmen des Eurofound untersuchten Studien in Belgien, Frankreich, Italien und Spanien die Umsetzung und die Auswirkungen dieses Rechts. Arbeitnehmer:innen in Unternehmen mit und ohne das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit wurden befragt, um Einblicke in ihre Erfahrungen mit außerhalb der Arbeitszeit erhaltenen arbeitsbezogenen Mitteilungen, zusätzlichen Arbeitsstunden und deren Auswirkungen auf Work-Life-Balance, Gesundheit, Wohlbefinden und Arbeitszufriedenheit zu gewinnen.

Die Eurofound-Studie (2023) stellt heraus, dass über 80% der Befragten außerhalb der Arbeitszeit arbeitsbezogene Mitteilungen erhalten, wobei fast drei Viertel täglich oder an manchen Tagen kontaktiert werden. Obwohl fast die Hälfte der Arbeitnehmer:innen angibt, dass ihr Unternehmen eine Politik zur Trennung von der Arbeit hat, ist die Umsetzung dieser Richtlinie oft nicht ausreichend klar oder sichtbar.

EU-Rechtslage und Bestrebungen

Die EU hat bisher keine spezifischen Rechtsvorschriften zum Recht auf Nicht-Erreichbarkeit verabschiedet. Allerdings haben sowohl das Europäische Parlament als auch branchenübergreifende Sozialpartner:innen Verhandlungen aufgenommen, um die Problematik anzugehen. Dabei wurde die Schlüsselrolle der Sozialpartner:in bei Verhandlungen über Arbeitsplatzfragen betont (Frühjahr 2023). Bis Juni 2023 hatten neun EU-Mitgliedstaaten Gesetze zum Recht auf Nicht-Erreichbarkeit eingeführt. Diese Gesetze unterscheiden sich je nach Geltungsbereich, Umsetzung und Sanktionen. Die Einführung solcher Bestimmungen erfolgt stetig, vor allem in Reaktion auf die Zunahme von Telearbeit während der COVID19-Pandemie.

Auswirkungen des Rechts auf Nicht-Erreichbarkeit

Die Eurofound-Studie zeigt, dass das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit zwar nicht die Wahrscheinlichkeit verringert, außerhalb der Arbeitszeit kontaktiert zu werden, aber dennoch positive Auswirkungen hat. Arbeitnehmer:innen in Unternehmen mit einer klaren Nicht-Erreichbarkeits-Richtlinie haben eine bessere Work-Life-Balance und sind zufriedener mit ihrer Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

Die „Always-on“-Kultur bringt zwar Vorteile, birgt jedoch auch Risiken wie zusätzliche Arbeitsstunden und Gesundheitsprobleme. Die Studie empfiehlt die Kombination von Sensibilisierungsmaßnahmen, klaren Richtlinien und wirksamen Maßnahmen zur Begrenzung der Arbeitszeit außerhalb der regulären Stunden, um die negativen Auswirkungen zu mildern.

Fazit:

Die Daten zeigen, dass dort, wo Maßnahmen für das Recht auf Trennung von der Arbeit ergriffen wurden, diese sich positiv auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, die Gesundheit und das Wohlbefinden sowie die allgemeine Arbeitszufriedenheit auswirken. Die Sozialpartner spielen eine Schlüsselrolle bei der Aushandlung von Branchen- und Unternehmensvereinbarungen und -politiken über das Recht auf Trennung von der Arbeit.

Die Erkenntnisse auf Unternehmensebene zeigen, dass die Umsetzung einer Politik des Rechts auf Nicht-Erreichbarkeit allein nicht ausreicht, um einen kulturellen Wandel am Arbeitsplatz herbeizuführen; die Politik muss von Sensibilisierungsmaßnahmen, Schulungen und wirksamen Maßnahmen zur Begrenzung von Verbindungen außerhalb der Arbeitszeit begleitet werden, die auf das jeweilige Arbeitsumfeld zugeschnitten sind.

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Gönnen Sie sich Auszeiten und bleiben Sie gesund!

Ihr Team VisionGesund.







Weiterführende Literatur:

Eurofound (2023): Working conditions and sustainable work. Right to disconnect: Implementation and impact at company level. Research report.

Bildernachweis:

Urheber*in: Andrea Piacquadio / Pexels